West-Berlin – erste Annäherung

satellitenbild

Viele Berlin-Reiseführer aus der Zeit der Teilung beginnen bei der Vorstellung des Reiseziels Berlin mit einer Statistik: die Ausdehnung in der Fläche, die Zähl der Bevölkerung, das Verhältnis von bebauter Fläche zu Grünflächen. Die Botschaft, die damit einhergehen sollte, war: diese Stadt ist riesig, hier leben mehr Menschen als in jeder anderen Stadt der Bundesrepublik Deutschland und – sie haben viel Platz. Ja, mehr noch: diese Stadt ist mitnichten ein Moloch aus Häusern und Straßen, hier gibt es viel Wald, Seen, Parkanlagen und Grün. Während also bei Beschreibungen anderer Reiseziele die einzigartigen Sehenswürdigkeiten in den Vordergrund gerückt werden, bemühten sich die Reiseführer zu West-Berlin vor allem um die Vermittlung der Vorstellung, hierbei handele es sich um eine eigentlich ganz normale Stadt, in der es sich gut leben lasse.

„…Nur etwa 39 % der Gesamtfläche von Berlin(West) sind bebaut, etwa 42% entfallen auf Wälder, Gewässer, Parks, Sportanlagen und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Den Rest bilden Verkehrswege und Flugplätze. Die Gesamtstadt hat eine Größe von 878 Quadratkilometern, davon Berlin(West) 480 Quadratkilometer oder 54,3% des Stadtgebietes. Die Nord-Süd-Ausdehnung Gesamtberlins beträgt etwa 38 km, die Ost-West-Ausdehnung etwa 45 km.“ (aus: BERLIN in der Westentasche, herausgegeben vom Verkehrsamt Berlin, 1979, Seiten 9 und 10)

Verkehrsamt Berlin

Diese Strategie einer Image-Bildung von der eigentlich ganz normalen Stadt läßt sich in der Rückschau kaum noch verstehen, besonders wenn man die Scharen von Touristen vor Augen hat, die heute auf der Suche nach den letzten verbliebenen Resten der Grenzbefestigungen sind. Aber solange es die DDR gab, hat es diesen unbekümmerten Mauer-Tourismus niemals gegeben. Zu furchteinflößend waren die Erzählungen von den Grenzkontrollen, zu strapaziös erschienen vielen Menschen die weiten Wege bis nach Berlin, für zu „begrenzt“ hielten sie die Entfaltungsmöglichkeiten in einer Stadt, die sich nicht ausdehnen konnte. Es gehörte zum Erfahrungsschatz aller Langzeitbewohner West-Berlins, dass sie – im Umgang mit anderen Bundesbürgern auf ihre Herkunft angesprochen – zuallererst mit dem meist ungebetenen Statement konfrontiert wurden: „Da könnte ich nicht leben! Da würde ich mich eingesperrt fühlen!“. Die Berlin-Werbung hielt tapfer dagegen. Kein Image-Film über die Stadt, in dem nicht auch Schiffe auf dem Wannsee, Boote auf der Havel, Spaziergänger im Tiergarten, Pferde in Lübars, kurz: Bilder von den Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten in der Stadt gezeigt wurden. Auf den diversen Grafiken, die damals kursierten, wurde das Stadtgebiet von Berlin über eine maßstabsgetreue Karte z.B. des Ruhrgebiets gelegt oder auf anderen eine des Großraums Frankfurt/Main, um die Weitläufigkeit des Stadtgebietes zu belegen und der spätestens seit dem Mauerbau bei den Westdeutschen tiefsitzenden Vorstellung von Eingeengtsein und begrenztem Horizont in der Stadt zu begegnen.

Vergleich Ruhrgebiet 001

Vergleich-Ausdehnung

Und die Berlinerinnen und Berliner im Westteil selbst? Die „Ureinwohner“, die Zugezogenen sowie die Dagebliebenen, welches Gefühl hatten sie von den Bewegungsmöglichkeiten, die ihnen dieser Teil der Stadt bot? Hatten sie wirklich den von den westlichen Landsleuten häufig unterstellten Eindruck, hier schnell, zu schnell, an die „Grenzen“ zu kommen?

Sie hatten statt abstrakter Vorstellungen ihre Erfahrungswerte zur Hand: die Dauer der Wegstrecke zum Arbeitsplatz, die Länge des Schulweges, das Wissen, welche Bus- und U-Bahnlinien sie benutzen mussten, um zu den großen Einkaufszentren zu fahren, oder die Kenntnis, dass für die fußläufige Umrundung des Schlachtensees mindestens zwei Stunden zu veranschlagen waren. Wer sich auf die Aussichtsplattform des Berliner Funkturms am Messegelände stellte, konnte nicht nur auf große Teile des Stadtgebietes schauen, der Einheimische verband mit den Objekten, die er in der Nähe und Ferne identifizieren konnte, auch eine Vorstellung von ihrer Lage im Stadtgebiet, wie sie zu erreichen sind und wie lange man notfalls dafür brauchen würde. Die Radarstation der US-Streitkräfte auf dem Teufelsberg ließ sich nicht besichtigen, aber man kam bis an den Zaun und wer sich zu Erholungszwecken auf den Berg begeben wollte, sollte lieber einen Tagesausflug planen, auch wenn er vom Funkturm aus gesehen so nah gelegen erschien.

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Teufelsberg

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Teufelsberg

Mit dem Blick in Richtung Flughafen Tegel verbanden sich Erinnerungen an Urlaubsreisen, aber auch an die Höhe des Taxientgelts, um dahin zu gelangen.

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Siemensstadt (oben rechts der Flughafen Tegel)

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Siemensstadt (oben rechts der Flughafen Tegel)

Wer in der Ferne das Schloss Charlottenburg erkannte, dachte dabei vielleicht an den letzten Besuch der Verwandten oder Freunde, denen man die Sehenswürdigkeit gezeigt hatte.

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Schloss Charlottenburg

Blick vom Berliner Funkturm Richtung Schloss Charlottenburg

Mit Kurfürstendamm, Gedächtniskirche und Europa-Center waren Einkaufserlebnisse, Theater- und Kinobesuche oder Schaufensterbummeln am Sonntag verbunden.

Blick vom Berliner Funkturm Richtung City West

Blick vom Berliner Funkturm Richtung City West

Für über zwei Millionen Einwohner bot West-Berlin also genügend Platz für Arbeit und Erholung, für Freizeit und Kultur. Das Wissen, dass man nach einigen Kilometern an eine Grenze stoßen würde, an der es nicht weiterging, war bei allen vorhanden. (Dass und wie die DDR im Bewußtsein der West-Berliner vorhanden war, wird an anderer Stelle zu behandeln sein). Dass aber der Westteil der Stadt politisch überleben konnte, hatte mit dem Glücksfall zu tun, dass das den Westalliierten zugesprochene Besatzungsgebiet in Berlin groß genug war, um über Jahrzehnte einer Bevölkerung von über zwei Millionen Einwohnern Platz und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Wer in West-Berlin lebte, hatte sich mit dem Umstand der Begrenztheit des Stadtgebiets arrangiert. Alle, die nach West-Berlin zogen, trafen damit eine Entscheidung, die vermutlich reiflicher überlegt war, als zum Beispiel die Verlegung des Lebensmittelpunktes von Hamburg nach München. Und es gab auch genügend Menschen, die ein Karriereangebot in West-Berlin ablehnten, weil sie selbst oder ihre Familienmitglieder die Besonderheiten, die das Leben in West-Berlin erforderte, nicht ertragen wollten.

Als ein bestimmender Faktor der Lebensumstände in West-Berlin seit der Spaltung der Stadt ist damit die Begrenztheit des Stadtgebietes ausgemacht. In den Berlin-Krisen spielte er nur eine untergeordnete Rolle. Es waren Phasen, in denen das Gefühl der Bedrohung und der Unsicherheit, ob es hier weiterhin möglich sein werde, nach westlichem Muster zu leben, am stärksten war. Es waren Zeiten des größten Schwundes an Vertrauen in die Überlebensfähigkeit der Stadt, als nach dem Mauerbau im Westteil Berlins die Preise für Grund und Boden in den Keller sackten, ganze Straßenzüge mit Miethäusern günstig zum Verkauf standen, immer mehr Industrie- und Gewerbebetriebe wegzogen und vor allem Tausende von Menschen die Stadt verließen. Das Bewußtsein einer latenten Kriegsgefahr beherrschte damals die Menschen und die Gewissheit, im Ernstfall zu den ersten Opfern eines östlichen Angriffes zu gehören, gaben den Anstoß, der Stadt den Rücken zu kehren. Eine andere Spielart dieser Bedrohungsvorstellung war die Befürchtung, von den westlichen Alliierten, den sogenannten Schutzmächten, „fallen gelassen“ zu werden, und quasi über Nacht als frischgebackener DDR-Bürger wieder aufzuwachen. Wie hätte man dann das eigene Zögern verflucht, nicht rechtzeitig mit den anderen den Weg nach Westen angetreten zu haben, als es noch möglich war.

Während in den Krisenzeiten die Endlichkeit des Stadtgebietes von anderen Nöten überlagert war, rückte dieser Faktor in Zeiten einer relativen „Normalität“ immer mehr in den Vordergrund. Die Jahre nach 1972, die das Inkrafttreten der Berlin-Regelung sahen, waren eine Zeit, die von einem stärkeren Gefühl der „Sicherheit“ geprägt waren. Man konnte nun mit der DDR über Kompensationsgeschäfte verhandeln. In West-Berlin sparte man sich z.B. Flächen für Müllkippen und verbrachte gegen Bezahlung einen Teil des Hausmülls auf östliche Deponien. Durch Gebietsaustausch ließen sich (Grenz-)Verläufe begradigen. Vom Grundsatz, alle nötigen Kapazitäten im Ernstfall innerhalb West-Berlins vorrätig zu haben, wurde auch damals nicht abgewichen. Und natürlich waren die hochgelobten Freizeit- und Erholungsflächen ein Tabu. Niemand hätte damals z.B. Kleingartenanlagen für Baugrund opfern wollen. So kam es, dass in der Spätphase der 80er Jahre die Behörden im Westteil auf der Suche nach noch unerschlossenem Baugrund waren, und im großen Stil Dachgeschosswohnungen ausgebaut wurden, um kurzfristig Wohnraum schaffen zu können. Der Senat hatte dafür eigens ein Förderprogramm aufgelegt.

Flyer-Mauerweg

Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung der beiden Stadthälften haben aus den politischen Grenzen, die Gegenstand der Weltpolitik waren, Teil einer Landesgrenze zwischen zwei Bundesländern werden lassen. Heute laden Bücher, Broschüren und Flyer dazu ein, zu Fuss oder per Fahrrad diese ehemalige Grenze zu erkunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*